Die Kopfhörer einhören: Fakt oder Mythos?

Von Daniel Gniazdo

Die Diskussion, ob es so etwas wie „die Kopfhörer erst einhören“ zu müssen wirklich gibt, wird heiß debattiert. Passionierte Klangliebhaber sind sich felsenfest sicher und schwören darauf. Andere wiederum halten es für lediglich heiße Luft. Wer hat denn nun recht?

Wenn es Ihnen wie mir geht, dann ziehen Sie bestimmt erst einmal im Unglauben die Augenbrauen hoch, wenn Sie von der Idee hören, dass man Kopfhörer erst einmal einhören muss.

Wenn Sie die Diskussion schon in der Vergangenheit verfolgt haben, so sind Sie selber vielleicht schon zu einem Standpunkt in der Sache gelangt. Aber lassen Sie uns doch alle von vorne beginnen.

Was genau ist das Kopfhörer einhören?

Sie kennen doch bestimmt auch diese Binsenweisheit, dass man ein neues Paar Schuhe erst für einige Tage tragen muss, damit sie dann bequemer zu tragen sind. Das nennt sich „einlaufen“. Fitnessexperten raten dies insbesondere für Joggingschuhe. Der Grund ist, dass sich das Material erst dehnen muss, damit es dann in seine finale Fußpassform gelangt ist.

Das gleiche Prinzip gilt auch beim Einhören von Kopfhörern, im Englischen auch „burning-in“ bezeichnet.

Die Idee dahinter ist, dass die werksneuen Kopfhörer erst einmal stundenlang mit Musik bespielt werden müssen, bevor sie dann Sound optimal wiederspiegeln können. Angeblich weiten sich die Membranen der Lautsprecher durch intensive Nutzung, damit sie so ihren beabsichtigten Klang erhalten.

Während jedoch das Einlaufen von Schuhen ein besser dokumentiertes Phänomen ist, ist das Einhören von Kopfhörern noch ein weitaus bestrittenes Thema. Meinungen zum Einhören der Kopfhörer werden entweder mit absoluter Gleichgültigkeit oder leidenschaftlichem Eifer vorgetragen.

Was sagt die Fraktion derjenigen, die ans Einhören glauben?

Manche Überzeugte führen an, dass alle neuen Kopfhörer eingehört werden müssen. Sie können einen Unterschied wie Tag und Nacht zwischen einem neuen und einem bereits eingehörtem Paar Kopfhörer feststellen. Zudem haben sie eine klare Vorstellung, wie viele Stunden „Einhören“ die verschiedenen Kopfhörermodelle jeweils benötigen. Es gibt detaillierte, schrittweise Anleitungen, wie das Einhören der Kopfhörer richtig bewerkstelligt wird.

Auch manche Hersteller von Kopfhörern sind bereits auf den Effekt aufgesprungen und bieten spezielle Lieder zum Einhören an. Dies sind Songs mit beliebigen Geräuschen und rosa Rauschen, um die Membran der Kopfhörer zu trainieren. Das folgende ‚Lied’ können Sie spielen, wenn Sie sowohl Ihre Ohren belästigen, als auch den Puls Ihrer Nachbarn hochtreiben möchten.

Was sagen die Skeptiker?

Die Skeptiker schlucken das nicht so einfach. Für sie ist die Idee dahinter schlichtweg Unfug.

Im besten Fall, so sagen sie, ist das Einhören nicht mehr als ein großer, überbewerteter Placebo-Effekt: Die Menschen glauben, dass ihre eingehörten Kopfhörer sich besser anhören, weil sie die Erwartungshaltung haben, dass sie sich besser anhören. Das spielt sich alles eher in ihrem Kopf ab, statt in ihren Kopfhörern.

Im schlimmsten Fall ist es ein selbsttragender Diskurs von Klangfanatikern, die sich aufgrund pseudowissenschaftlichern Beobachtungen für besonders schlau halten.

Was sagt die Auswertung von Daten?

Dies ist der Moment, an dem wir noch mehr im Trüben fischen. Das Einhören von Kopfhörern ist nicht exakt das Thema, das Wissenschaftler lange und intensiv erforschen.

Es gibt nicht wirklich viele fundierte Studien zu dieser Fragestellung. Aber es gibt eine Person, die selbsternannte Koryphäe im Bereich Kopfhörer, die den Streitpunkt einem Test unterzogen hat.

In seinem sehr subjektiven, und nicht wissenschaftlich repräsentativen Versuch, hörte er Musik auf zwei unterschiedlichen Paaren von Kopfhörern: Ein Paar war eingehört, das andere nicht. Natürlich wusste er nicht, welches das jeweilige war.

Sein Ziel war es festzustellen, ob er einen Unterschied hören kann.

In seinem zweiten Experiment maß Tyll den Frequenzbereich von einem Paar Kopfhörer, nachdem sie für 5 Minuten, 25 Minuten, 1 Stunde und bis hin zu 90 Stunden genutzt worden waren.

Seine Schlussfolgerung? Nicht schlüssig. Während Tyll Unterschiede feststellen konnte, waren sie nicht aussagekräftig genug, um beweisen zu können, dass das Einhören ein zentraler Faktor ist.

„Ich bin absolut davon überzeugt, dass obwohl Effekte durch das Eintragen existieren, bei den meisten Menschen der wahrgenommene Eindruck, dass ihre Kopfhörer sich dramatisch im Klang ändern, eher auf das Ändern der Position ihres Kopfes oder die generelle Gewöhnung an den Klang zurückzuführen ist.“

Also ja, wir fantasieren uns das Einhören nicht nur zusammen, es findet allerdings zum großen Teil in unserem Kopf statt. Danke Tyll, das hilft wirklich ungemein weiter.

Wie lautet das Urteil?

Überlassen wir das Urteil, inwiefern das Einhören der Kopfhörer sich nun tatsächlich zuträgt, doch jedem selbst. Es ist, als versuche man, die Diskussion zu führen, ob die PS4 besser als die Xbox One ist, während doch alle wissen, dass die Wii U das einzig wahre Maß der Dinge ist.

Und wagen wir doch mal einen verrückten Ansatz: Wenn das Einhören für Sie unverzichtbar ist, dann weiter so. Die Kopfhörer wird man damit nicht kaputt machen und am Ende mögen sie gar wirklich besser klingen.

Wenn Sie nicht daran glauben, dann auch weiter so. Öffnen Sie einfach die Verpackung der Kopfhörer, setzen Sie sie sofort auf und genießen Sie Ihre Musik.

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